Gemeinsam mit dem Forum Juden-Christen bot das Projektteam zum Stadtjubiläum „1050 Jahre Lingen“ eine Literaturveranstaltung für Kinder und Jugendliche an. Die niederländische Autorin Martine Letterie erzählte im Gedenkort Jüdische Schule über ihr Buch „Kinder mit Stern“ über 70 Schülerinnen und Schülern 6. oder 7. Klassen und deren beeindruckten Lehrkräften in drei Vorträgen. Letterie, die eng mit der Gedenkstätte des Durchgangskonzentrationslagers (KZ) Westerbork zusammenarbeitet, schreibt kindgerecht über Krieg und Rassenhass. Als ein Motiv für ihre Themen erwähnte die Autorin ihren Großvater Martin – nach dem sie benannt wurde – der als sozialistischer Widerstandskämpfer im KZ Neuengamme bei Hamburg ermordet wurde.

Nur wenige ausgewählte Stellen las die Autorin aus „Kinder mit Stern“. Fotos: fwp

Jeweils sehr beeindruckt waren die Jugendlichen der Marienschule, des Franziskusgymnasiums und des Gymnasium Georgianum vom anschaulichen Vortrag, in dem nur wenig vorgelesen wurde. Die furchtbarsten Grausamkeiten der Naziverbrecher blieben weitestgehend ausgespart. An das ausgeprägte Gerechtigkeitsgefühl dieser Altersstufe richtet sich die Ausgrenzung von Kindern, die ab sechs Jahren den „Judenstern“ tragen mussten – Kinder mit Stern. Aber Rosa und Jules, Klaartje, Ruth und Bennie, von denen erzählt wird, erleben nicht nur Schrecken und Leid, sondern auch Momente voller Glück und Zusammenhalt. Diese Kinder gehörten zur kleinen Zahl, die die Nazi-Mordmaschinerie überlebten. Von etwa 18.00 Kindern in Westerbork kamen nur etwa 1.000 zurück.

Reale Schicksale stehen hinter Bennie, dessen Vater ihm Spielzeugautos baute, Klaartje, deren Familie vergeblich versuchte, vor den Nazis zu fliehen. Jules, der nicht mit der Straßenbahn fahren durfte und darum durch die ganze Stadt Amsterdam lief, um mit seinem Freund spielen zu können. Früher oder später wurden sie alle nach Westerbork verschleppt. Von da an waren große Schlafsäle in Baracken ihr Zuhause und sie besuchten die Schule, deren Schüler und Lehrer von Woche zu Woche weniger wurden. Denn einmal in der Woche kam ein Zug und beförderte Juden aus dem Lager. Zielorte: Auschwitz, Sobibor, Bergen Belsen, Theresienstadt. Auf Nachfragen erläuterte die Autorin die Namen der Vernichtungslager.

Martine Letterie zeigte den Zuhörern, wie sie als Schriftstellerin arbeitet. Sie recherchiert Lebensgeschichten durch Aktenstudium und Interviews mit Zeitzeugen oder deren Angehörigen. Da sie sich an Kinder richtet, wolle sie Überlebende beschreiben.„Aber“, so Letterie, ich muss auch ehrlich bleiben. Daher schreibe ich auch über Leo, der noch im Oktober 1944 in Auschwitz ermordet wurde.“ Damit war Leo eines von über einer Millionen Kinder, die dem Rassenwahn der Nazis zum Opfer fielen.

Kenntnisse über Leo gewann Letterie, weil dessen Vater den Naziterror im KZ überlebte. Als Apotheker in Westerbork durfte er das Lager verlassen, um Medikamente zu holen. Dabei gelang es ihm, Bilder seines Sohnes herauszuschmuggeln und einer vertrauten Person anzuvertrauen. So konnte die Autorin Zeichnungen von Leo aus dem KZ präsentieren, die bei den Zuhörern einen starken Eindruck hinterließen.

Kunstwerke für Leo: Schüler der Marienschule gestalten Denkmale für Leo

Leos Schicksal wurde von den Schülerinnen und Schülern in kleinen Kunstwerken und Texten auf dem Freigelände der Jüdischen Schule bei strahlendem Sonnenschein verarbeitet – „Ein Denkmal für Leo“, wie Stelltafeln für jede Gruppe bezeichnet wurden. Einige Beispiele: „Lieber Leo, mir fehlen die Worte bei diesen grausamen Taten, die dir und unzähligen anderen Juden angetan wurden.“„Eine traurige Geschichte, sie sollte bekannter sein.“

Darf das Thema Holocaust mit Kindern behandelt werden? Diese Frage bejahte Angela Prenger, die im Forum Juden-Christen für das Thema „Judentum begreifen“ verantwortlich zeichnet und die Veranstaltung organisiert hatte. Sie findet, dass in Deutschland oft zu spät mit dem Thema begonnen wird. Daher arbeitet das Forum auch mit Grundschulen zusammen. „Es kommt darauf an, wie das Thema behandelt wird“, so Prenger. Kinderbücher hält sie für ein geeignetes Mittel, jungen Leserinnen und Lesern historische Wahrheiten nahezubringen. In den Niederlanden wird Letteries Buch ab 6 Jahren empfohlen, der deutsche Verlag nennt ein Lesealter ab 10.

Martine Letterie betritt die Jüdische Schule, nachdem sie die „Denkmale für Leo“ kommentiert hatte. Die Klasse 6 des Gymnasiums Georgianum spendet begeistert Beifall.

Alle Denkmale für Leo wurden auf Stelltafeln angeordnet. Hier als Beispiel Franziskusgymnasium.Die Stelltafeln waren dem Forum von der Katholischen Kirchengemeinde St. Bonifatius geliehen worden., vielen Dank.

Einen Beitrag des Franziskusgymnasiums Lingen finden Sie unter https://franziskusgymnasium.de/lesung-in-der-juedischen-schule/

Hinweis: Martine Letterie: Kinder mit Stern, deutsch von Andrea Kluitmann. Illustrationen von Julie Völk, Carlsen Verlag Hamburg,128 Seiten, € 8,00 (Taschenbuch)